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Apr
24

Das Abschiedslied – The winner takes it all

Innerlich ganz ruhig, setzte sie sich an den alten Küchentisch. Der Bogen weißes Papier, und ein Bild von ihm, lagen vor ihr. Im Hintergrund lief die CD mit ihrem Lieblingslied.

“Lieber Peter,

I don’t want to talk – about things we gone through …”

Mit der ersten Zeile des alten ABBA-Songs begann sie ihren Brief. Die Tränen ließen alles etwas vor ihren Augen verschwimmen, aber mit einem Ruck zwang sie sich zur Konzentration auf ihr Vorhaben.

“Viel zu viel haben wir durchgestanden, als das ich hier alles anführen kann”, schrieb sie weiter. “Weit über die Hälfte meines Lebens waren wir füreinander da. Sind durch Zeiten der großen Liebe und Leidenschaft, der Gewöhnung, der Krisen, des Streits, der Versöhnung und der gegenseitigen Hilfe gegangen. Alles um uns herum war im Wandel begriffen. Was feststand war, dass wir alles gemeinsam durchstehen.”

Sie machte eine Pause und ließ ihre Zeilen etwas wirken. Sie dachte an die vielen Pärchen, die sie im Lauf der Zeit kennen lernten und die sich irgendwann trennten. Wir sind die, denen das nicht passieren kann, dachte sie dann immer.

“Though it’s hurting me – now it’s history …”

Natürlich hat es mich verletzt und natürlich tut es weh, dass dies alles jetzt vorbei sein soll. Wir haben die dunklen Wolken ignoriert, die am Horizont heraufzogen, haben darauf vertraut, dass sie nur ein weiteres Gewitter mit sich führen würden, das den Himmel und die Luft säubert und sich wieder von dannen macht. So war es doch vorher schon so oft. Was war diesmal anders? Der Gedanke an ein Ende mit all seiner Endgültigkeit nimmt mir den Atem. Vielleicht ist es diese Endgültigkeit, die fehlende Chance wieder neu zu beginnen, alles auf Start zu stellen und einfach von vorne anzufangen, wie bei einem Spiel – vielleicht ist es diese Endgültigkeit, die unsere Furcht vor solchen Situationen begründet, ähnlich der Angst vor dem Tod.“

Nachdenklich hob sie den Kopf und schaute auf sein Bild. “Ich hab keine Angst mehr vor dem Tod”, sagte sie. “Es ist kein Platz mehr in mir für diese Angst.”

“I`ve played all my cards, and that’s what you done, too. Nothing more to say, no more ace to play …”

Alles was ich noch hätte tun können, habe ich versucht, und ich will zumindest glauben, dass du dasselbe auch getan hast. Es gibt eigentlich nichts mehr zu sagen. Vielleicht haben wir unsere Worte einfach mit der Zeit verbraucht und es ist nun, am Ende, nichts mehr übrig, was man noch anführen könnte – kein Ass mehr, das man noch aus dem Ärmel ziehen könnte.

“The winner takes it all – the loser’s standing small – it’s simple and it’s plain – why should I complain? …”

Sie war jünger, sie war schöner, sie war erfrischend anders, sie stand für sprühendes Leben und Abenteuer. Ich nur für Hausmannskost und warme Füße am Abend vor dem Fernseher. Für Essen auf dem Tisch, wenn du nach Hause kamst, und für Verfügbarkeit, wann immer du mich gebraucht hast.

Schlechte Karten um zu konkurrieren, findest du nicht auch? Der Gewinner bekommt alles, der Verlierer steht im Regen. Es ist ganz einfach und simpel – warum sollte ich mich beschweren? Wir haben gespielt und ich habe verloren. So ist das Leben.

Aber ich wollte nicht spielen. Ich wollte eine Beziehung, in der man zusammenwächst, dachte wir könnten gemeinsam in Würde älter werden, dachte wir wären, eines Tages, eines jener liebenswerten, alten Pärchen das sich gegenseitig über alle Arten von Beschwerden hinweghilft.

“… but I was a fool – playing by the rules …”

Ja, ich war wohl ein Idiot, weil ich versuchte nach den Regeln zu spielen, war wohl dadurch auf Dauer zu verlässlich, zu langweilig für dich.

“… but tell me, does she kiss, like I used to kiss you? Does it feel the same, when she calls your name? …”

Hast du wirklich alles vergessen? Ist alles auf einmal schlecht, was vorher gut war? Sind deine Gefühle für sie genauso stark wie sie einst für mich waren? Oder ist sie nur eine Art Jungbrunnen für dich? Geht es genauso tief bei dir, wenn sie deinen Namen ruft – fühlst du dann genauso, wie bei mir einst?

“… I apologize, if it makes you feel bad – seeing me so tense, no self-confidence …”

Tut mir Leid, wenn es dir ein schlechtes Gewissen machte, mich hier so zu sehen. So aufgewühlt und gänzlich ohne Selbstvertrauen, aber es geht im Moment nicht anders. Ich schreibe dir diesen Brief, auch wenn du ihn nicht mehr lesen kannst. Es tut mir Leid, dass ich zu schwach war, die Regeln so zu akzeptieren, wie du dir das gedacht hast. Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass der Gewinner alles bekommt. Aber ich wollte bestimmen, wer der Gewinner ist. Ich hoffe du musstest nicht zu sehr leiden. Der Apotheker meinte, das Gift würde recht schnell wirken. Nun ich werde es ja bald wissen.

Ich habe dich geliebt. Schade, dass es so enden musste.

The winner takes it all … Der Gewinner ist der Tod – er bekommt uns alle.

In Liebe

Claudia

Sie faltete den Brief, legte ihn säuberlich vor sich auf den Küchentisch, und lauschte noch einmal der ABBA CD. Thank you for the music, lief gerade. Ein gutes Lied zum Abschluss, dachte sie, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und legte den Kopf auf den Brief. Fast als würde man einschlafen, dachte sie noch …

 

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