Der alte Mann saß vor seinem Schreibtisch. Die Augen müde vom langen Lesen, lehnte er sich zurück, lauschte dem beständigen Knacken des Kaminfeuers und sein Blick folgte nachdenklich den tanzenden Schatten die vom Licht des Feuers in den Raum gezaubert wurden. Fast lautlos hatte der Eindringling das Zimmer betreten und sich mit den Schatten vermischt. Erst die Pistole in seiner Hand holte den alten Mann in die Realität zurück.
“Jimmy, mein Junge.” Er setzte sich aufrecht in seinen Stuhl. “Was machst du denn um diese Zeit noch hier?”
“Ich denke das weißt du ziemlich genau Onkel Ron”, antwortete der junge Mann. Er war etwa Mitte Dreißig, hatte hellblonde Haare und trug Jeans und einen Seemanns-Pullover. Er setzte sich gegenüber und hielt die Waffe im Anschlag.
“Ich habe nachgeforscht, und ich habe das Tagebuch von Molly, der alten Haushaltshilfe, gefunden. Nichts von dem was ich dadurch erfahren habe warf ein gutes Licht auf dich, und alles zeigte mir, dass ich mich komplett in dir getäuscht habe.” Er entsicherte die Waffe.
Der alte Mann sah ihn ruhig an, fast so als hätte er diesen Moment schon lange erwartet. “Tue was du tun musst”, sagte er, “es ist in Ordnung.”
“Das werde ich”, erwiderte Jimmy, “das werde ich. Aber vorher sag mir noch warum. Wie konntest du das nur tun?”
“Das ist nicht so einfach zu erklären und schon gar nicht zu verzeihen. Aber wenn du mir noch genügend Zeit gibst, so will ich dir von dem Geheimnis erzählen das ich nun schon so lange mit mir herumtrage.” Und er begann zu erzählen:
…………
Es war im Sommer 1965. Ich war jung und das Vermögen meiner Eltern erlaubte es mir den schönen Dingen des Lebens nachzugehen. Es gab kaum eine Party die ich ausließ und was die Damenwelt betraf, so wusste ich auch dort zu gefallen. Kurzum, das Leben war leicht und Sorgen ein Fremdwort.
Dann kam jener Sonntag Abend im Juli. Wir waren bei einem Tanzwettbewerb zu Gast. Die Veranstaltung war eher bieder, die Tänze nichts Außergewöhnliches und das Publikum ohne Ahnung von dem was ihm da eigentlich geboten wurde. Ich war gerade dabei nach einer Ausrede zu suchen um mich aus dem Staub zu machen.
Doch dann war Mary mit Tanzen an der Reihe und als sie mit ihrem Partner die Tanzfläche betrat wurde es urplötzlich mucksmäuschenstill im Saal und mir schien es als würde alles um sie herum leuchten. Sie hatte langes, dunkelblondes Haar das beim Tanzen umherwirbelte. Ihr Antlitz war fast überirdisch schön. Sie trug ein hautenges, rosafarbenes Tanzkleid welches ihre begnadeten Formen eher unterstrich denn verbarg, und das den Blick auf die wundervollsten Beine freigab die ich jemals gesehen hatte.
Ich wusste es von der ersten Sekunde an – das war die Erfüllung meiner Hoffnungen, die fleischgewordene Traumfrau, an deren Existenz ich niemals zu glauben gewagt hatte. Noch lange nach ihrem Auftritt konnte ich den Blick nicht von der Tanzfläche wenden. Aber ich sah nichts von dem was dort geschah, sondern folgte immer noch den imaginären Drehungen der Frau die ich liebte ohne sie wirklich zu kennen.
Bei meinen Nachforschungen stellte sich heraus, dass unsere Väter zusammen im Krieg gekämpft hatten und früher gute Freunde waren. Ich nutzte diese Erkenntnis um Kontakt mit ihr aufzunehmen und um sie besser kennen zu lernen. Wir verstanden uns auf Anhieb und ich fragte mich ob sie wohl schon in festen Händen war. Sie trug zwar einen Ring aber das konnte ja auch reiner Schmuck sein. Wie dem auch sei, ich würde sie erobern, das stand für mich fest. Diese Frau war für mich bestimmt, egal was bisher geschehen war.
Wir unterhielten uns den ganzen Abend über Gott und die Welt und ich kann mich nicht erinnern eine Konversation jemals so genossen zu haben. Sie war nicht nur wunderschön sondern auch überaus klug und gebildet.
“Ich muss Sie unbedingt noch meinem Mann vorstellen”, sagte sie gegen Ende des Gesprächs plötzlich, und mir war als habe man einen Riesengong neben mir geschlagen. Wie im Nebel folgte ich ihr orientierungslos durch die Menschenmasse, fast wie ferngesteuert. Dann lichteten sich die Reihen vor uns und Mary sagte: “James, darf ich dir Ron Turner vorstellen, den Sohn von Will Turner, Daddy’s altem Kriegskameraden. Ron das hier ist James, mein Mann.”
Ich stand da wie vom Donner gerührt. Freundlich und aufmunternd lächelte mich der Mann im Rollstuhl an und streckte mir die Hand entgegen. “Schön Sie kennen zu lernen. Ich hoffe Sie werden für den Rest der Woche unser Gast sein. Wir haben einen Landsitz ganz in der Nähe und freuen uns über jeden Besuch.”
Das kam ein bisschen plötzlich und ich war unsicher, aber innerlich machte mein Herz einen Sprung weil ich nun die Gelegenheit hatte in Marys Nähe zu sein. “Es wäre mir eine Ehre”, antwortete ich und lächelte zurück. Ich war enttäuscht. Wäre sie die Frau von Elvis Presley gewesen, von Errol Flynn oder von einem der Beatles, ich hätte mit offenem Visier angreifen und um sie kämpfen können. Wie aber konnte ich gegen einen Mann im Rollstuhl vorgehen? Selbst wenn ich gewänne würde ich mein Ansehen verlieren. Nein, das hatte keinen Sinn. Ich beschloss Abstand zu nehmen von meinem Entschluss.
Nichtsdestotrotz genoss ich die Sommertage auf dem Landsitz, die langen Gespräche am Kamin und vor allem die Nähe von Mary während meines Aufenthaltes. Insgeheim hoffte ich, sie wäre unglücklich mit ihm und je mehr ich mich in meinen Wahn steigerte, je mehr scheinbare Anzeichen fand ich, die dies zu beweisen schienen.
In einem letzten lichten Moment erkannte ich die Gefahr die über uns hing wie ein Damoklesschwert und ich beschloss abzureisen. Aber als mich beide baten den Rest des Sommers bei ihnen zu verbringen konnte ich nicht widerstehen. Vor allem ihre Bitte und ihr Geständnis, dass sie die Gespräche mit mir genossen hatte, bestärkten mich in dem Glauben, sie befreien zu müssen.
Meine Liebe zu ihr hatte sich zur Besessenheit entwickelt und je unerreichbarer sie für mich war, desto stärker begehrte ich sie. Das Feuer der Leidenschaft verbrannte jeden vernünftigen Gedanken in mir und ich beschloss Mary für mich zu gewinnen, koste es was es wolle. Er hatte kein Recht ihr junges Leben zu zerstören.
Ich konnte kaum mit der Tür ins Haus fallen und ihr auch nicht direkt Avancen machen. Sie war viel zu aufrichtig und loyal um ihren Gatten zu hintergehen. Also war es er, der die Beziehung beenden musste. Also machte ich mir die Waffe des Zweifels und des Misstrauens zum Verbündeten und vertraute auf deren schleichende, vernichtende Kraft.
Wir unternahmen herrlich lange Spaziergänge um die letzten Sommernachmittage zu genießen. Manchmal gingen nur Mary und ich, manchmal begleitete mich James und ab und zu durchquerten wir zu dritt die endlosen Wiesen, Felder und Waldstücke des Landgutes. In den letzten Tagen hatten sich zunehmend Wolken an den sonnigen Himmel gemogelt und verdunkelten die Szenerie immer mehr. Es ging immer wieder Regen nieder der den Untergrund seicht und unsicher machte, so dass James sich darauf nicht mehr fortbewegen konnte, so waren zuletzt meist nur Mary und ich unterwegs.
Ich strickte weiter an meinem perfiden Plan Mary zu befreien, der für mich zu einer Art Mission geworden war. Mal erzählte ich ihr vom Leben in der Stadt, wohlwissend, dass sie nur ihm zuliebe auf dem Land lebte, mal sagte ich ihm wie glücklich er doch sein müsse, dass eine so hübsche Frau für ihn auf vieles verzichte. Dann wieder mutmaßte ich, dass sie wohl auch ab und an unzufrieden sei, erkundigte mich scheinheilig ob seit James Unfall auch sonstige Freuden des Ehelebens erfüllt werden konnten und so weiter.
Die beiden stritten immer öfter und ich war nur allzu gerne bereit, Mary zu trösten wenn er sie beleidigt hatte oder ihr Vorwürfe machte. “Ich verstehe auch nicht was auf einmal mit ihm los ist”, sagte ich dann gewöhnlich. “Er sollte dich jedenfalls nicht so behandeln.”
Die Tatsache, dass mir beide vertrauten nutzte ich gnadenlos aus. Wenn er mich fragte, sagte ich sie wäre wohl unglücklich und wolle es ihm zuliebe nicht zeigen, aus Rücksicht auf seine Lage. Außerdem solle sie nicht so undankbar sein. Schließlich fehle es ihr hier an nichts und ich könne ihr Verhalten auch nicht verstehen. Von einem Gespräch mit ihr riet ich ihm ab. Das würde sie sicher verschrecken. Ihr riet ich ihn möglichst in Ruhe zu lassen bis er sich wieder gefangen hatte. Das wäre sicher nur eine Phase, wenngleich sie natürlich eine solche Behandlung nicht verdiene. Sie entfremdeten sich dadurch immer mehr.
Mein Plan ging geradezu perfekt auf und ich konnte bald zum finalen Schlag ausholen. Als sich Mary wieder mal bei mir ausweinte geschah es und wir gaben uns der Leidenschaft des Augenblicks hin. Während ich mich am Ziel meiner Träume wähnte war sie von Reue und Zweifel zerrissen. Ich musste ihr versprechen die Sache zu vergessen und niemandem etwas zu sagen. Ich versprach es, sorgte aber dafür das Gerüchte unter dem Personal gestreut wurden und schließlich auch James mit der Zeit etwas davon erfuhr.
Er stellte mich zur Rede. Ich heuchelte Reue und Verzweiflung, log ihm vor sie hätte sich in mich verliebt, wolle ihn aber aus Respekt und aus Rücksicht auf seine Lage nicht verlassen. Als Höhepunkt fragte ich ihn ob er seine junge Frau denn nicht glücklich sehen wolle. Und wenn ja, dann müsse er sie verlassen, nicht umgekehrt. Ich schlug ihm vor er solle behaupten er habe sich in eine Andere verliebt und wolle die Trennung. In seiner Verzweiflung stimmte er nach einer Weile zu. Seine Liebe zu ihr war groß genug dafür und ich nutzte das eiskalt aus. Er reichte mir die Hand und bedankte sich für meine Aufrichtigkeit. Ohne ein Wort und ohne ihn anzusehen verlies ich den Raum.
Ich saß mit Mary gerade beim Tee als wir den Schuss aus seinem Büro hörten. Er hielt sich an unseren Plan, hatte aber den Ablauf geändert. Er saß zusammengesunken in seinem Rollstuhl, das Gesicht zerstört. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel:
Liebste Mary,
ich danke dir für die schöne Zeit und die Opfer
die du für mich erbracht hast. Jetzt bist du frei.
Fang an zu leben.
In ewiger Liebe
James
“Warum tust du mir und dem Kind das an?”, schrie sie ihn an und wir konnten sie nur mühsam aus dem Zimmer führen.
Sie brach danach völlig zusammen. Sie schien jeden Halt im Leben verloren zu haben. Ich weiß nicht von was ich mehr geschockt war. Von der Tatsache, dass Mary ein Kind erwartete oder von der schlagartigen Erkenntnis, dass sie James tatsächlich geliebt hatte. Dieser Gedanke war mir die ganze Zeit über, in meiner grenzenlosen Überheblichkeit, nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn von ganzem Herzen geliebt. Mehr noch, er war ihr Lebensinhalt gewesen. Keine Spur von Last und Unfreiheit. Alles was sie je wollte war er. Es war als würde ich aus einem ewig scheinenden Traum erwachen und die ganze Wahrheit lag wie ausgekotzt und ungeschminkt zu meinen Füßen. Alle Probleme die beide miteinander hatten waren von mir inszeniert. Aus reinem Eigennutz hatte ich das Glück zweier Menschen zerstört. Aber die Einsicht kam viel zu spät.
Das einzige was Mary noch am Leben hielt war ihr Kind und als sie es geboren hatte sah sie wohl ihre Aufgabe als erfüllt an. Danach fiel sie von einer Krankheit in die nächste. Ihr gesamter Lebensmut war wie weg geblasen. Kurz bevor sie starb rief sie mich an ihr Bett, nahm mir das Versprechen ab mich um ihren Sohn Jimmy zu kümmern und dankte mir für den Beistand und dafür, dass ich immer für sie da war in all der schweren Zeit. Ich wollte ihr alles gestehen aber die Angst, dass sie mich hassen könnte und der Ekel vor mir selbst schnürte mir die Kehle zu und so nickte ich stumm mit Tränen in den Augen und drückte ihre Hand.
……………
Das Kaminfeuer war fast heruntergebrannt und die Bewegung des alten Mannes holte Jimmy aus seiner Trance in der er der Erzählung gefolgt war.
“Ich zog dich groß, schickte dich auf die besten Schulen, sorgte dafür, dass es an nichts fehlte, aber nichts von all dem konnte meine Schuld sühnen”, schloss der Alte seine Erzählung ab.
Jimmy hielt die Waffe immer noch auf ihn gerichtet. “Heißt das, du bist mein Vater?”, fragte er mit unsicherer Stimme.
“Ich weiß es nicht”, antwortete der Alte. “Sie ließ nie einen Zweifel daran, dass du James Sohn bist. Wir wollen es dabei belassen, dass du für mich wie ein Sohn bist.”
“Hast du gar keine Angst, dass du gleich in der Hölle schmoren wirst für das was du getan hast?” Er zielte auf den Kopf des Alten.
Der lachte kurz auf. “Mein Junge. Das Fegefeuer der Reue brennt nun schon unzählige Jahre in mir und hat meine Seele, meine Freude und meine Selbstachtung aufgezehrt. Alles was jetzt noch kommt bedeutet Erleichterung und Erlösung. Und nun beende dein Vorhaben. Es wird kalt hier drin.”
Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Jimmys Hand zitterte. Er versuchte abzudrücken aber es gelang ihm nicht. Kraftlos lies er den Arm sinken, legte die Pistole auf den Tisch und ging aus dem Raum.
Als er gerade in sein Auto stieg durchbrach ein Schuss aus dem Büro des Alten die Stille. Er atmete tief durch, startete den Motor und fuhr davon.
2 comments
autor says:
June 6, 2011 at 7:44 pm (UTC 0)
Eine schöne Geschichte. Allerdings ist der Neffe letztlich auch nicht besser, als sein Onkel. m.M.n. Rache ist eben doch ein starker menschlicher Antrieb
Gerd says:
June 6, 2011 at 8:02 pm (UTC 0)
Danke für das Kompliment. Ja, das stimmt. Letztlich sind wir alle nicht frei von menschlichen Regungen – positiv wie negativ